Zur Pariser Ausstellung
"Lart égyptien au temps des pyramides""Dies sind die Pyramidenmenschen. Der Ton liegt auf dem zweiten Wort. Unsere Einbildungskraft bedarf keiner Kulisse, um die Kategorie festzustellen, und fragt nicht danach. Vor allem sind es Menschen, plastisch vollkommen realisiert."
Julius Meier-Graefe, Pyramide und Tempel, 1927

Für Kurzentschlossene
Für Ägyptomanen ist die Ausstellung "Ägyptische Kunst zur Zeit der Pyramiden" im Pariser Grand Palais das Ereignis der Saison und daher ein unverzichtbares Muß. Viel Zeit zu einem Besuch besteht aber nicht mehr, denn die Ausstellung endet bereits am 12. Juli 1999. Anschließend wird sie nur noch in New York und Toronto präsentiert. Kurzentschlossene sollten diese Chance nutzen und die Reise wagen. Sie lohnt sich: 34 Museen und Privatsammlungen aus 12 verschiedenen Ländern haben 214 Spitzenwerke der III. bis VI. Dynastie zu einer beeindruckenden Schau der Superlative zusammengetragen. - Vor 6 Jahren schon hatte die Réunion des musées nationaux à Paris die Nase vorne, als sie mit "Amenophis III - le Pharaon-Soleil" einen grandiosen Ausstellungstreffer in der französischen Hauptstadt plazierte. Mit dieser Wanderschau ist ihr der zweite große Wurf gelungen: Damit setzt sie europaweit die Publikumserfolge der Superlative altägyptischer Kunst fort, die wir seit einigen Jahren wegen knapper Gelder und leerer Kassen in den Kulturhaushalten vielleicht schon ein wenig vermißt haben.
Idee und Konzeption
Die Idee ist an sich einfach gestrickt: sie orientiert sich an vier Dynastien des Alten Reiches und richtet sich primär an den königlichen "Leistungsträgern" aus. Der Pharao und sein direktes familiäres wie aristokratisches Umfeld sind die zentralen Themen der Konzeption. So ordnen sich die einzelnen Sektionen den Regenten Djoser, Cheops, Chephren, Mykerinos, Userkaf, Sahure, Niuserre und Unas auch in chronologischer Reihenfolge zu, während die VI. Dynastie nur noch allgemein abgehandelt wird. In zeitlicher Abfolge werden - großzügig aufgestellt - ausschließlich für diese elitäre soziale Klasse Bildwerke, Rundplastiken, Reliefs, Kleinkunst und Schmuck in Form einer reinen Schausammlung als Totenkultprodukte und Grabbeigaben ohne museumspädagogischen Hintergrund gezeigt. (Kleine, maßstabgetreue Modelle der Pyramidenareale von Saqqara und Gizeh und eine Endlosfilmvorführung der Grabungsfelder aus Hubschrauberperspektive, mit raffinierten Einstellungen und faszinierenden Ausblicken, ergänzen das Thema.)
Zentrale Macht und Repräsentanz
Die Herrscherbildnisse nehmen daher zwar keine erstrangige, aber trotzdem unmittelbare Funktion ein. In verschiedenen Ausführungen und Materialen, als Kopf, Torso, Sitz- oder Standbild vermitteln sie immer den Eindruck zentraler Macht und Repräsentanz. Reizvoll ist dabei die Intention: Einerseits beugen sich die Handwerker-Künstler dem Diktat der offiziell vorgeschriebenen und bereits idealisierten Königsdarstellung in ihrer Bestimmung und Funktion, im Ausdruck und in der Anatomie; andererseits gewähren das unterschiedliche Material und die Objektgröße durch ihre Bearbeitung individuelle und dadurch für uns moderne Menschen liebenswerte Merkmale und Charakteristika. So ist es dem interessierten Besucher durchaus möglich, die Gesichtszüge des Cheops von denen des Chephren zu unterscheiden, auch sind diese für sich isoliert gesehen durchaus persönlichkeitsecht und nicht normiert, selbst wenn sie entsprechend der Königsidee - immer auf das Wesentliche konzentriert bleiben.

Reservekopf aus Kalkstein (Giza), Boston, Museum of Fine Arts
Staatsräson und Individualismus
Das macht diese Ausstellung übrigens so charakteristisch und trägt zu ihrer außergewöhnlichen Faszination bei. Hier ist für den Besucher deutlich zu erkennen, daß die verantwortlichen Menschen des "Alten Reiches" fast zweieinhalb nachfolgende Jahrtausende den wesentlichen kompositorischen Rahmen für religiöse und künstlerische Form, Kanon, Perspektive, Inhalt und Aussage vorgeben und somit die Weichen für alle künftigen Generationen bis hin in die Römerzeit stellen. Die Schatten der faszinierenden Persönlichkeiten einer ganzen Epoche, ihr schöpferischer Geist und ihre intellektuelle Stärke werden hier wieder lebendig. Damit wird Kunst bewußt einem staatstragenden politischen wie religiösen Diktat untergeordnet, das zwar gestalten und bewahren will, aber trotzdem künstlerische Freiheit und viel Individualismus gelten läßt.
Hervorragende Logistik
Ein Kompliment den Ausstellungsverantwortlichen Dorothea Arnold (Metropolitan Museum of Art, New York), Krzysztof Grzymski (Musée royal de lOntario, Toronto) und Christiane Ziegler (Musée du Louvre, Paris), die es ermöglicht haben, sich von einer Vielzahl von Museen und einigen Privatsammlungen exquisite Leihgaben zu verschaffen, was im Vorfeld einen beachtlichen personellen, zeitlichen und logistischen Aufwand erfordert hat. Es sind eigentlich so gut wie alle bedeutenden Sammlungen altägyptischer Kunst vertreten, die sich obendrein überreden ließen, häufig ihr Bestes auf die Reise über die Ozeane zu schicken. Deshalb ermöglicht die Ausstellung auch einen gelungenen und lehrreichen Querschnitt der Kultur des altägyptischen Reiches, ohne den Besucher durch eine Überfülle zweit- und drittklassiger Objekte zu ermüden. (Und ganz ehrlich: Welchen "Normalsterblichen" verschlägt es in seinem Leben schon einmal nach Berkeley, Kansas City, Princeton oder Worcester, um sich dort an guten Originalen altägyptischer Kunst zu erfreuen?)
Internationale Spitzenwerke
Daß die Leihgeber aus ihren Vitrinen wirklich erstklassige Bestände opferten, gilt beispielsweise für Leipzig, das zeitweise seinen größten Schatz, das Chephren-Köpfchenfragment aus Gneis, hergibt. Für den Überseebesucher wird die Wiederbegegnung mit dem lebensechten Alabasterkopf des Mykerinos aus Boston oder dem entzückenden Sitzbildnis des Pepi II. auf dem Schoße seiner Mutter Anchnes-Merire (Brooklyn) ebenfalls aus Kalzit zu einem erneuten Erlebnis. Selbst Kairo das seit einem Gerichtsurteil den zeitweisen Export von antiken Kunstwerken nicht mehr zuläßt verstößt glücklicherweise gegen den juristischen Beschluß und präsentiert Spitzenkunst, wie eine der Holztafeln aus dem Grabe des Hesire. Aber selbst Unbekanntes, noch nie Gesehenes lockt: Berlin präsentiert u.a. sieben seiner Reliefs aus der Kultkammer des Meten, die aus Platzmangel schon seit Jahrzehnten in den Magazinen verwahrt werden. Und aus einer privaten Kollektion überzeugt ein Herrscherhaupt aus Rosengranit, das dem Chephren zugeschrieben wird. Nur Hildesheim - eine der zentralen Kunstsammlungen aus dem Alten Reich - ist leider nicht vertreten, obwohl das repräsentative Sitzbild des wohlbeleibten Hem-iunu im Katalog ausgewiesen ist.
Keine Trophäenschau
Die Pariser Ausstellung ist trotzdem keine Trophäenschau mit glanzvollen, häufig bestaunten und abgebildeten Spitzenwerken. Gerade die Mischung von Prominenten und minder oder nicht Bekanntem ist reizvoll, denn die Privatplastik von nachgeordneten Beamten kommt neben den Königsbildnissen beileibe nicht zu kurz. Aber auch hier sind es echte Kunstwerke - und keine drittklassigen Erzeugnisse und anatomisch verhunzte Massenware -, egal ob es sich um Stand- oder Sitzbildnisse, Einzel- oder Paardarstellungen handelt, wobei letztere in den Gesten ihrer Vertrautheit auf den Betrachter wirklich rührend und ansprechend wirken. Ganz reizend ist die kleine, sehr originelle Auswahl von Dienerfiguren aus Kalkstein, so ein unterernährter Töpfer, ein messerzückender Schlächter mit Rind oder Musikanten an der Harfe (alle Chicago), ein Koch aus Leipzig oder eine Amme aus New York; hier beeindruckt die realistische, ungeschminkte Darstellung, wobei die immer direkt auf den Betrachter gerichteten aufmerksamen und dienstbereiten Blicke leicht irritieren.

Harfinistin, Chicago, Oriental Museum
Objektvergleiche und Glücksmomente
Ein Wort zum Objektvergleich, ein herausstechender und überaus gelungener Leitgedanke in der ansonsten eher orthodoxen Ausstellungskonzeption. Hier werden entsprechende Figuren und Reliefs zum gleichen Thema aus verschiedenen Sammlungen und Gräbern nebeneinander gestellt und laden zum Kontext ein, denn gleich ist bekanntlich nicht identisch. Das fällt besonders bei den Reserve- oder Ersatzköpfen auf, die aus Wien, Boston und Berkeley stammen. Oder bei den Speisetischszenen aus dem Grab der Prinzessin Nefertiabet (Paris) und des Prinzen Upemnofret (wieder aus Berekley), beide sorgfältig bearbeitet und traumhaft penibel bemalt. Zu den größten Glücksmomenten gehört die Zusammenführung von Kalksteinreliefs der Kultkammer vom Grabe des Meteti (Saqqara), die aus Berlin, Toronto, Kansas City und New York zusammengetragen worden sind. Ab und zu hat man auch ganz unterschiedliche Artikel aus dem Grabschatz ein und derselben Person - die einst durch Fundteilung den verschiedensten Museen zugesprochen wurden - arrangiert, um sie erstmals gemeinsam zu zeigen.
Bedenkliche Reiselust
Ab und zu fragt man sich allerdings, ob die Reiselust manchen Ausstellungsstücken wirklich gut tut: Das gilt vor allem für die desolaten und einmaligen Pastenreliefs vom Grabe der Atet, die aus München und Kopenhagen stammen (1); Wandmalereien aus demselben Grab (hier von Boston und Manchester erbeten) lassen im Sinne der Rekonstruktion einen gewissen Eindruck vom Grabinneren zu, da sie zudem räumlich aus der unmittelbaren Nachbarschaft des bekannten Gänsefrieses von Medûm stammen. Hier ist selbstkritisch zu bedenken, daß der zur Zeit aktuelle Transfer von einmaligen Spitzenkunstwerken von Ausstellung zu Ausstellung zwar hohe Besucherzahlen und gute Einkünfte beschert, aber letztlich den Objekten selbst trotz guter Konservierung, sicherem Transport und günstiger Aufstellung wohl nicht immer besonders dienlich ist. Manchmal ist es übrigens gar kein Prunkstück, sondern ein eher beiläufiges Objekt mit Erinnerungswert, das von den Besuchern favorisiert wird: in Paris gruppieren sich die Besucher z.B. um einen abgeschrägten Kalksteinblock, der einst die Cheopspyramide von außen verkleidete (heute London).

Kai, "Aufseher über die Schakale", aus Saqqara, Paris, Louvre
Besuchermanipulation?
Etwas Kritik zu der seit den frühen 80er Jahren allgemein üblichen Aufstellung von Schaustücken altägyptischer Kunst soll nicht verschwiegen werden: Alle Exponate werden auch in Paris in stark abgedunkelten Räumen präsentiert und in ihren Vitrinen überstark künstlich beleuchtet. Die Glaskästen erinnern an die Erlebniswelt von Terrarien oder Aquarien in den zoologischen Gärten. Da der Schatten (nahezu) ausgeblendet ist, werden die Objekte gleichsam fokussiert und glorifiziert. Der Besucher wird manipuliert, denn ihm wird die Möglichkeit zur ganz persönlichen Sichtweise und Selektion geraubt. Da es sich hier primär um Grabbeigaben und Gegenstände aus dem Totenkult handelt, ist dieses Prinzip gleichsam einer archäologischen Metapher , Gegenständliches aus dem Dunkel der Erde und Vergessenheit wieder ans helle Licht der Gegenwart zu ziehen, durchaus verständlich. Aber müssen es immer gleich ein paar hundert Watt sein? So werden auch Bildwerke gleichsam schonungslos entkleidet, geraten unfreiwillig ins Scheinwerferlicht und beeinflussen einseitig die Sichtweise des Besuchers. Tageslicht, wie wir es aus den altägyptischen Kollektionen in Kairo, Wien und Turin kennen - je nach Tageszeit und Sonnenstand gemildert oder verstärkt - läßt ein weit natürlicheres Umfeld und individuelles Flair zu, mit dem die antiken Kunstwerke eher ihre "Seele" zur Geltung bringen und ihre ganz persönliche Anziehungskraft ausstrahlen können.
Praktische Hinweise
Die Ausstellung ist noch bis zum 12. Juli 1999 in der Nationalgalerie des Grand Palais in Paris (verteilt über zwei Etagen) zu sehen, einem neubarocken Präsentationsgebäude aus der Jahrhundertwende an der Avenue des Champs-Élysées. Geöffnet ist sie täglich (außer dienstags) von 10 bis 20 Uhr, mittwochs sogar bis 22 Uhr. Der Eintritt beträgt für Erwachsene 50 FF (ca. 16 DM). Fotografieren ist nicht erlaubt. Ansichtskarten und ein hervorragend gestalteter Ausstellungskatalog (in französischer Sprache) sowie Broschüren zur Ausstellung und zum Themenkreis Altes Ägypten sind käuflich zu erwerben. Am einfachsten erreicht man den Grand Palais von der Innenstadt her mit der Metrolinie Nr. 1 (Richtung La Défense), Haltestelle Champs-Élysées Clémenceau; von dort sind es nur noch wenige Schritte zu Fuß. Der Besuch an einem Werktag (am besten an frühen Vormittagen oder an Abenden) ist ratsam, wenn man sich nicht gegenseitig auf die Zehen treten will, doch ist das Publikum - im Gegensatz zu den Touristenmassen im Louvre-Museum - weltstädtisch und kultiviert. Bei schönem Wetter kann anschließend ein geruhsamer Spaziergang (rechter Hand vom Grand Palais und dann immer geradeaus) zur Place de la Concorde mit dem dort 1836 aufgestellten Obelisken Ramses II. aus Luxor, weiter über die Tuilerien-Gartenanlagen, bis hin zum Musée du Louvre unternommen werden; der reduzierte Eintrittspreis ab 15.00 Uhr rechtfertigt dort noch einen Besuch der ägyptischen Altertümer am gleichen Tag (2).
Ralf Gratias
Anmerkungen:
Bei den Exponaten wurde für altägyptische Namen i.d.R. die im deutschen übliche Schreibweise gewählt.
(1) Siehe Kemet 2 / 1998, S. 50 - 53
(2) Siehe Kemet 4 / 1998, S. 52 - 54