Nach den Präsentationen in Potsdam, Weißenfels (s. auch Kemet 3/01, S. 60ff., besonders zu den Pyramidenmodellen) und Köln wird die Sonderausstellung über die ägyptischen Pyramiden und ihre Rezeption von der Antike bis in die Gegenwart nun im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe gezeigt. Doch selbst wenn man bereits eine der zurückliegenden Stationen der Sonderausstellung kennt, so ist es trotzdem sehr lohnenswert, auch die unter der Leitung von Dr. Renate Germer und Dr. Andreas Hoffmann konzipierte Hamburger Präsentation zu besuchen, bei der der Schwerpunkt weiter in Richtung auf das Alte Ägypten verlagert wurde.
Figur eines Bäckers, Kalkstein, Altes Reich, Photo: Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim
Es werden neben den Pyramiden, ihrer Entwicklung und den Theorien zu ihrem Bau altägyptische Artefakte gezeigt, die einen Einblick in das Leben zur klassischen Pyramidenzeit, dem Alten Reich, geben. Hierzu gehören z.B. die Dienerfigur eines Bäckers oder die einer Frau beim Mehlsieben, von denen unzählige Exemplare als Grabbeigaben in den Gräbern der Beamten gefunden wurden, die sich mit Erlaubnis des Pharaos um die Pyramide ihres Königs herum sog. Mastaba-Gräber als ‚Häuser für die Ewigkeit’ anlegen ließen. Ein Heer von Handwerkern und Arbeitern war erforderlich, um alle am Pyramidenbau beteiligten Personen zu versorgen.
Weiterhin erhält man in der Ausstellung Informationen zur Pyramidenverwaltung und zum Kult des verstorbenen Pharaos, was Personal vom Schreiber bis zum Bierbrauer erforderte, Menschen, die zu Hunderten in der Nähe der Pyramidenbezirke in eigens dafür angelegten Pyramidenstädten lebten und arbeiteten.
Einen Eindruck von den Auftraggebern der Pyramiden vermitteln die Bildnisse ägyptischer Pharaonen, wie das Königsköpfchen des Chaf-Ra (Chephren, 4. Dyn.) von hoher Qualität oder das Statuenoberteil des Königs Sesostris III. aus dem Mittleren Reich, 12. Dynastie, also der Endphase des Pyramidenbaus, das durch seine Porträthaftigkeit besonders lebendig wirkt.

Statuenoberteil Sesostris’ III., Grano-Diorit, 12. Dyn., Museum Schloss Friedensstein, Gotha
Im Neuen Reich, als die Pharaonen sich keine Pyramidengräber mehr errichten ließen, sondern in geräumigen, tief in den Fels der thebanischen Berge gehauenen Felsengräbern bestattet wurden, eigneten sich die einfachen Bevölkerungsschichten das ehemals ausschließlich königliche Bestattungssymbol an. So schmückten z.B. die Handwerker in Deir el-Medina die Eingänge ihrer Gräber mit kleinen Pyramiden oder schufen Grabstelen, die von einem Pyramidion bekrönt waren, das auch noch mit einem Abbild des Grabherrn in Gebetshaltung geschmückt sein konnte.

Modell der Cestius-Pyramide, Kork, Holz von Antonio Chichi (1743-1816), Museum Schloss Friedensstein, Gotha
Dass Pyramiden auch in späteren Zeiten eine beachtliche Faszination auf die Menschen ausübten, zeigen für die klassische Antike das Mausoleum von Halikarnass und die Grabarchitektur der Römer um die Zeitenwende, die diese Form als Gestaltungselement wählten, wie z.B. die berühmte Cestius-Pyramide, von der in der Ausstellung ein Modell zu sehen ist.
Einen breiten Raum nimmt auch die Bautechnik der Pyramiden ein, die noch bis heute ungeklärt ist. In der Hamburger Ausstellung wird – veranschaulicht durch Modelle – neben den Rampentheorien auch das Erklärungsmodell des Einsatzes von Winkelhebeln von A. Hoehn (s. Kemet 2/01 S. 69ff.) vorgestellt.

Uhrengarnitur, Bronze und Marmor, Gehäuse England, Uhrwerk Verhagen & Cie, Köln, um 1800; Hessisches Landesmuseum Kassel
Weitere Themen sind zum einen die Ägyptomanie in Europa, die besonders nach der Ägypten-Expedition Napoleons und der Entzifferung der Hieroglyphen einen Höhepunkt erlangte und zu zahlreichen ägyptisierenden Kreationen, sei es in der Architektur (besonders der Grabgestaltung), der Gebrauchskunst (Möbel, Uhren, Geschirr, Schmuck und sogar Kleidung) führte. Auch in der Gartenkunst findet man nun ägyptisierende Elemente, Pyramiden, Obelisken (oftmals mit Phantasiehieroglyphen) und Sphingen schmücken die Garten- und Parkanlagen europäischer Schlösser, von Napoleon über Kaiser Franz-Joseph bis hin zum Herzog von Sachsen-Coburg reisen gekrönte Häupter zu den Pyramiden.
Außerdem widmet sich die Ausstellung der Pyramidenforschung, die im 18. Jh. einsetzte und Abenteurer nach Ägypten lockte, die sich mit rabiaten Methoden Einlass in die Große Pyramide verschafften.
Mit dem Einsetzen der Ägyptologie als Wissenschaft und der preußischen Expedition von R. Lepsius wurden bis heute immer sanftere Untersuchungsmethoden entwickelt, bis hin zu der Erkundung der von der Königinnenkammer ausgehenden sog. Luftschächte in der Pyramide mit Hilfe des ebenfalls ausgestellten Video-Miniroboters Upuaut II., der von dem Ingenieur R. Gantenbrink konstruiert wurde. Upuaut (nach dem gleichnamigen ägyptischen Gott, dem „Wegeöffner" so benannt) fuhr den südlichen Luftschacht hinauf, doch seine Fahrt endete nach 59 m an einer Steinplatte mit zwei Kupferstücken. Was sich dahinter verbirgt – möglicherweise eine weitere Kammer? – ist eine Frage, die erst durch weitere Forschungen an der Pyramide zu klären sein wird.
Ein Begleitbuch vom „Urheber" der Pyramidenausstellung, Dr. Ch. Tietze, mit dem Titel „Die Pyramide. Geschichte, Entdeckung, Faszination" ist für € 20,- im Museumsshop erhältlich. (Weitere Infos s. unter Ausstellungen S. 91)
Gabriele Höber-Kamel